Ich bin weder verletzt noch untrainiert. Einen E-Antrieb, der mich beim Gehen unterstützt, brauche ich ganz sicher nicht“, waren mein erster Gedanke, als Sven Reiger mit einem unhandlich und sperrig wirkenden Ding, das einer Hüft-Orthese ähnlich sieht auf mich zu kommt. „Das ist ein Exoskelett, das speziell für den Bergsport entwickelt wurde. Es ist akkubetrieben und heißt Hypershell. Speziell beim aufwärts Gehen wirkt es unterstützend, um Kraft zu sparen und daher weiter oder schneller gehen zu können“, erklärt der Sportexperte des Ski- und Sportgeräteverleihs am Dreiländereck in Arnoldstein südlich von Villach. Mit wenigen Handgriffen ist das Gerät auf meine Hüftbreite eingestellt und um meine Mitte geschnallt. Als nächstes werden die an den Oberschenkeln Richtung Knie ragenden Antriebsarme festgezurrt. Dann gibt Sven via Smartphone-App meine Daten ein und „startet“ das auf mich personalisierte E-Exoskelett.
„Abwärts stellt sich das Gerät automatisch auf den neutralen Modus. Aufwärts hilft es je nach Einstellung mehr oder weniger intensiv mit“, höre ich den Verleih-Profi sagen, als ich eine nahe Stiege ansteuere und das Gerät auf die höchste Leistungsstufe einstelle. In der Ebene kaum merkbar, beginnt es bereits bei leichtem Aufwärtsgehen zu arbeiten. Auf den Stufen der Stiege, die ich zu Testzwecken mehrfach hinauf und hinunter gehe, unterstützt es aufwärts deutlich spürbar und bleibt abwärts – wie angekündigt – neutral.
E-Power für die Oberschenkel
E-Motoren an den Hüften sind in dem anfangs gewöhnungsbedürftigen Gerät verbaut. Sie liefern über bis knapp ober die Knie reichenden Bügel gezielt E-Power, immer dann, wenn die Beinbewegung nach oben geht und die Oberschenkel beansprucht werden. KI-gesteuert erkennt das kluge Ding, wie schnell man unterwegs ist, in welchem Teil der Beinbewegung die Kraft-Unterstützung zu erfolgen hat und ob man sich gerade abwärts, flach oder aufwärts bewegt. Strom liefert ein Wechselakku, der im Rückenbügel verbaut ist. Die Unterstützungsintensität ist am Gerät (multifunktioneller Druckknopf für alle Einstellungen) oder via einfach handhabbarer Smartphone-App im Detail einstellbar.
Auf unserer ersten Testtour bergwärts Richtung Dreiländereck überwiegt das Gefühl, die Beine wären besonders flink und leistungsfähig. Überraschend schnell wird man Eins mit dem gerade noch völlig ungewohnten Ding. Besonders spannend ist es, via App in steilen Bergaufpassagen von „volle Unterstützung“ auf „neutral“ umzustellen. Die ersten Schritte „ohne“ fühlen sich an, als wäre eine Handbremse aktiviert worden. Von wegen Handbremse: Die gibt es als „Fitnessfunktion“. Dabei bremst das Gerät, statt zu unterstützen. Ideal, um Bergauf-Power zu trainieren.
Test-Erlebnisse im Sommer und Winter
Unsere Test-Erfahrungen insbesondere mit nicht ganz so leistungsstarken Personen fallen sehr positiv aus. Denn speziell fitnessbezogene Schwächen lassen sich mit dem E-betriebenen Exoskelett gut ausgleichen. Gipfel, die ohne E-Unterstützung nicht erreichbar wären, sind dank Exoskelett-Hilfe gut machbar, vorausgesetzt die Wegpassagen sind unproblematisch. Denn keinesfalls mit dem Gerät kompensierbar sind mangelndes bergsteigerisches Können, Tritt-Unsicherheit oder fehlende Schwindelfreiheit. Unsere Test-Erfahrung zeigt, dass in schwierigen Passagen der Exoskelett-Einsatz nicht ratsam ist, weil man Gefahr läuft zu schnell unterwegs zu sein. Denn wo jeder Tritt exakt sein muss geht Sicherheit vor Geschwindigkeit. Mehrfach haben wir unser Hypershell deshalb „abgeschalten“, um jedes Risiko auszuschließen.
Nicht möglich ist der Exoskelett-Einsatz Immer dann, wenn Klettergurte zum Einsatz kommen. Hypershell und Gurt würden einander in die Quere kommen. „Ich rate auch überall dort, wo die abstehenden Teile des Exoskeletts dazu führen könnten, dass man wo hängen bleibt, von der Verwendung ab“, ergänzt Jörg Schmöe. Der Kärntner Bergwanderführer ist Exoskelett-Experte und begleitet die wöchentlichen Hypershell-Testwanderungen der Region Villach.
Weitere Kompatibilitätsprobleme haben sich mit größeren Rucksäcken ergeben, die am Rücken bis zum bzw. über das Exoskelett ragen. Das Gerät trägt im Hüftbereich etwa acht Zentimeter auf. Rucksäcke haben dann nicht mehr wie gewohnt Rückenkontakt, was in der Regel unbequem, jedenfalls aber ungewohnt ist. Wir haben uns mit kleineren Rucksäcken beholfen, die oberhalb des Hüftbügels enden. Wichtig ist auch die Kompatibilität jedes Kleidungsstücks, das nicht unterhalb des Exoskeletts getragen wird, zu prüfen. Midlayer oder Regenjacken etwa sollten groß genug sein, damit sie bequem über das Gerät getragen werden können.
Die Leistungsfähigkeit des Akkus ist erfreulich gut. Unserer Erfahrung nach reicht ein Akku für Touren mit bis zu 15 km Zustiegs-/Aufstiegs-Streckenlänge wobei 800 bis 1200 Höhenmeter im Aufstieg bewältigt werden. Wie lange der Akku tatsächlich Power liefert hängt stark von der gewählten Intensität ab. Bei durchgehend maximaler Unterstützung werden die genannten Werte unterschritten. Um nicht verfrüht „ohne“ dazustehen, raten wir, immer einen Wechselakku (teils im Lieferumfang enthalten) dabei zu haben. Andernfalls kann es – wie es uns auf einer längeren Trainingstour im Fitness-Modus passiert ist – sein, dass der Akku vor dem Ende der Tour leer ist.
Subjektive Test-Tourenbeispiele betreffend Akku-Leistung: • 700 hm, 4,3 km Aufstieg, mittlere bis hohe, selten maximale Unterstützung: 20 Prozent verbleibende Akku-Leistung | • 810 hm, 10,4 km Zustieg/Aufstieg, keine bzw. mittlere Unterstützung: 25 Prozent verbleibende Akku-Leistung | • 930 hm, 4,6 km Aufstieg im Trainingsmodus auf maximalem „Bremswiderstand“: Akku nach etwa 780 hm leer | • 525 hm, 5,2 km Aufstieg mit meist maximaler Unterstützung: Akku am Gipfel fast leer.
Testcenter in der Region Villach
Um Urlaubern aller Fitnesslevels aktive Erlebnisse auf ihren Bergen – Dobratsch, Dreiländereck, Gerlitzen Alpe, Mittagskogel und Verditz – zu ermöglichen, hat die Region Villach Anfang 2026 das international erste Exoskelett-E-Wander-Testcenter eröffnet. „Dank der Hypershell-Exoskelette können unsere Gäste bei geringerer Anstrengung wunderschöne Bergerlebnisse auf kürzeren ebenso wie längeren Wanderungen genießen“, betont Georg Overs, von dem die Initiative zum Exoskelett-Testcenter ausging. Für Villachs Tourismuschef steht nicht schneller und sportlicher im Mittelpunkt, sondern das natur-genießerische Erleben. „Auch weniger fitten Menschen wollen wir Berg- und Wandererlebnisse zugänglich machen, die für sie ohne E-Unterstützung nicht möglich wären“, erläutert er. Interessant ist laut Tourismusprofi Overs und Wanderführer Schmöe, dass sich zahlreiche unter Verletzungen leidende, bewegungseingeschränkte aber auch durch Lungenprobleme beeinträchtigte Personen, für Hypershell-Geräte interessieren und kommen, um sie auszuprobieren. In solchen Fällen lautet der Rat der Profis an die Interessenten, vorab medizinisch kompetente Ansprechpartner, insbesondere Ärzte bzw. Therapeuten zu konsultieren.
Pro & contra – Exoskelett-Wandern
An E-Unterstützung beim Sport scheiden sich seit jeher – höchst emotional – die Geister. E-Biken ist dafür das beste Beispiel. Es hat sich vom Streitthema zum nicht mehr wegzudenkenden Massenphänomen entwickelt. Steht uns das auch beim Wandern, Bergsteigen & Co bevor? Könnte gut sein, lautet unsere Einschätzung. Mehr dazu in folgender Pro- & Contra-Analyse, die Emotionen beiseite lässt und sich Fakten bzw. Erfahrungen widmet, die wir mit den Hypershell X Geräten Pro sowie Ultra gemacht haben.
PRO
- Klare Kraft-Unterstützung bergauf, besonders dann, wenn es steil bis sehr steil ist. Dabei lässt sich das gewohnte Tempo müheloser und länger halten bzw. etwas schneller, vor allem aber ausdauernder gehen.
- Man benötigt weniger Kraft je Kilometer. Das ermöglicht längere Touren.
- Weniger Anstrengung wirkt sich positiv auf Atmung sowie Pulsfrequenz und damit auf die Herz-Kreislaufbelastung aus.
- Strecken, die man ihrer Länge bzw. Steilheit wegen nicht „ohne“ geschafft hat, werden „mit“ machbar.
- Ein Leistungsausgleich – Schwächerer/Stärkerer – ist gegeben. Dieser fällt allerdings nicht so deutlich aus wie beim E-Biken.
- Verkürzte Aufstiegszeiten: Etwa 10 bis 20 Prozent je nach Strecke und Fitnesszustand.
- Flexible, schnelle und einfache Anpassbarkeit der Geräte betreffend Hüftbreite und -umfang sowie Oberschenkellänge und -umfang.
- Einfache, intuitive und bequeme Steuerung mittels Smartphone-App.
- Vielfältige Einsatzmöglichkeiten im Sommer und Winter: Wandern, Bergsteigen, Speedhiken, Laufen und Trailrunning, Road- und Mountainbiken sowie Winterwandern, Schneeschuhwandern oder Skitourengehen.
- Fitness-Modus, der statt zu unterstützen „bremst“ und daher ideal ist, um zu trainieren. Macht man eine steile Tour mehrfach im Trainingsmodus, „fliegt“ man sie danach ohne das Exoskelett geradezu hinauf. Deshalb hat uns diese Trainingsfunktion besonders begeistert.
- Überdies hatte der Fitness-Modus in unseren Tests bergab eine willkommene, bremsende und daher gelenk- sowie kraftschonende Wirkung.
CONTRA
- Weiterhin „Warten“ auf Langsamere: Die Hoffnung, dass ein Partner, den man „ohne“ deutlich abhängt, mit Hypershell-Unterstützung gleich schnell ist, hat sich nicht vollumfänglich erfüllt. Erfreulich hingegen ist, dass Touren, die der Partner „ohne“ nicht geschafft hätte, „mit“ problemlos machbar werden.
- Ohne Höhenmeter relativ wenig Wirkung. Die Stärke der Exoskelette ist die Unterstützung bergauf. Wer nur im Flachen unterwegs ist spürt kaum einen Effekt.
- Kleinere Rucksäcke harmonieren mit dem Exoskelett bestens, vorausgesetzt sie enden weiter oben am Rücken. Größere Rucksäcke (25 und mehr Liter, mit relativ „langem“ Rücken) sind nicht ideal, weil sie am Rücken-Hüftbügel, wo sich auch der Akku befindet, aufliegen bzw. mit diesem nicht gut harmonieren. Auch alle Arten von Hüfttascherln sind nicht mit dem Exoskelett kompatibel.
- Die Abnahme des Exoskeletts während der Tour, etwa vor dem Abstieg, ist einfach möglich. Zum Verstauen braucht es allerdings einen relativ großen Rucksack, der – siehe oben – aber beim Einsatz des Exoskeletts nicht ideal ist. Abhilfe haben wir dadurch geschaffen, dass der stärkere Partner, der ohne Exoskelett, aber mit größerem Rucksack aufsteigt das Teil in seinem Rucksack talwärts trägt.
- Kleidungs-Kompatibilität ist nicht automatisch gegeben. Hosensäcke können ähnlich wie bei Klettergurten verdeckt werden bzw. fühlen sich befüllt störend an. Sehr rutschige Hosen sind nicht ideal und enge Jacken passen nicht über das Gerät. Tipp: Kleidungs- & Geräteanprobe vor der Tour und die Wahl von weiter geschnittenen, über das Exoskelett passenden (Regen-)Jacken.
- Nicht mit Klettergurt verwendbar. Da das Exoskelett an Hüfte und Oberschenkel angelegt wird, muss man sich entscheiden: Klettergurt ODER Hypershell.
- Die Akkuleistung ist sehr gut. Bei „Vollgas“ wird aber doch viel Strom verbraucht. Daher ist die Mitnahme eines Ersatz-Akkus ratsam.
- Die Akku-Fixierung am Gerät ist gut. Allerdings löst unbeabsichtigter Druck auf den Fixierknopf (etwa im Sitzen) den Akku relativ leicht vom Gerät.
FAZIT
- Die Hypershell-Exoskelette sind eine neue, innovative und praktikable Möglichkeit draußen sportlich aktiv zu sein. Sie steigern die Lust, sich in der Natur, in den Bergen zu bewegen, weil sie die Anstrengung reduzieren.
- Ganz ohne Fitness geht es aber auch mit dem Gerät nicht, denn gehen muss man jedenfalls.
- Entsprechend eingesetzt (Fitness-/Trainungsmodus) ist es eine perfekte Hilfe, Leistungsfähigkeit und Tempo insbesondere bergauf überproportional zu steigern.
- Jedenfalls sollte man das Gerät vor dem Kauf testen, um selbst zu spüren, ob man mit dem Teil harmoniert. Ideal fürs Testen sind geführte Exoskelett-Wanderungen mit Expertenbegleitung (siehe unten).
E-Wander-Exoskelett Hypershell
Hypershell nennt sich ein Exoskelett aus China, das gezielt für Outdoorsport (Wandern, Bergsteigen, Speedhiking, Trailrunning usw.) entwickelt wurde und an Hüfte und Oberschenkel fixiert wird. 2024 erstmals präsentiert, kam es 2025 auf den Markt. Heute stehen vier Modelle (€ 899,– bis € 1.799,–) zur Wahl. Im Lieferumfang ist (außer beim teuersten Modell) nur ein Akku enthalten. Wechselakkus kosten ab € 119,–.
Die vier Modelle (Hypershell X Go, Pro, Carbon bzw. Ultra) unterscheiden sich bezüglich • E-Power-Unterstützungsleistung (400 bis 1000 Watt, 15 bis 30 km), • Gewicht (2 bzw. 1,8 Kilogramm), • sportartenspezifischer, intelligenter Modi (6 bis 12) sowie • Funktionen (etwa Fitnessmodus). Alle Geräte sind bezüglich Passform individuell einstellbar und bequem mittels Smartphone-App steuerbar.
Exoskelett-Testmöglichkeit
Das international erste Testcenter für das E-Wandern mit Hypershell-Exoskeletten wurde in der Tourismusregion Villach in Kärnten etabliert. Es bietet Interessierten die Möglichkeit, das E-Wandern selbst auszuprobieren.
Hypershell-Testwanderungen
Wöchentliche, geführte Testwanderungen am Dreiländereck in Arnoldstein, die von Bergwanderführer und Exoskelett-Experten Jörg Schmöe geführt werden. Für Gäste mit Region Villach Erlebnis Card ist die Teilnahme inklusive Hypershell-Leihgerät kostenlos. Ohne Card kostet die Teilnahme € 49,– pro Person.
Infos & Anmeldung: www.visitvillach.at (Menüpunkt „Shop“ – „Hypershell – geführte Testwanderung“)
E-Wandern mit Jörg Schmöe
Jörg Schmöe ist Kärntner Bergwanderführer und Exoskelett-Experte. Er ist auch unabhängig von den Testwanderungen der Region Villach für individuelle E-Wandertouren engagierbar.
www.derschmoee.com
Hypershell-Verleih
In Zusammenarbeit mit der Region Villach bieten die Bergbahnen Dreiländereck in Arnoldstein Hypershell-Exoskelette im Verleih (ab € 39,–) an.
www.3laendereck.at


Das Dreiländereck
Wander- & Ausblicks-Erlebnis in Österreich, Italien und Slowenien
Der 360-Grad-Panoramablick ist eines der Highlights am Dreiländereck in Arnoldstein im Süden Kärntens. Die Julischen Alpen sind zum Greifen nah. Westlich erblickt man die Karnischen Alpen und das Gailtal. Im Norden ragt die Rote Wand, die mächtige Südwand des Dobratsch auf. Und im Osten glitzern der Faaker See und der Wörthersee um die Wette.
Bergwärts bis auf 1.500 Meter geht es bequem per 3-er Sesselbahn oder auf mehreren Wanderwegen (800 Höhenmeter). Oben am Berg warten zwei einladende Hütten – das Panorama.Berg.Restaurant und die Dreiländereck Hütte. Wandererlebnis nicht nur zum 3-Länder-Punkt wo Österreich mit Italien und Slowenien zusammentreffen und zum Wallfahrtskirchlein Maria im Schnee versprechen sechs verschiedene Touren. Man hat die Wahl zwischen gemütlich-kurz und attraktiv-weitläufig. Ausgangs- und Endpunkt der Wanderungen ist die Bergstation der 3-er Sesselbahn.
INFOS: www.visitvillach.at & www.3laendereck.at




















